Gesundheitsmagazin
Auf einen Blick
Reizdarm

Reizdarm – Mythos oder neue Volkskrankheit

Über das Reizdarmsyndrom – kurz RDS – kursieren vielen Gerüchte. Die einen behaupten, die Betroffenen würden sich die Beschwerden nur einbilden. Andere sprechen von einer neuen Volkskrankheit. Was stimmt wirklich? Informationen rund um den menschlichen Körper und die Gesundheit — erklärt von Prof. Dr. Curt Diehm.


Fast 14 Millionen Deutsche sollen angeblich von einem Reizdarmsyndrom betroffen sein. Das habe ich neulich in einem Reizdarm-Blog gelesen und mir dabei gedacht: Was es alles gibt. Auf die Zahl kommt man angeblich, weil es eine unglaublich hohe Dunkelziffer gebe und viele Erkrankte nicht zum Arzt gehen würden.

Allerdings – und das ist Fakt – stellt sich eine RDS-Diagnose oft als sehr schwierig heraus. Denn die typischen Symptome wie Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung können ganz andere Ursachen haben. Das reicht von einer falschen Ernährung oder Lebensmittelunverträglichkeit über Lebererkrankungen, hormonelle Störungen oder Allergien bis hin zu Magen- oder Darmkrebs. Erst, wenn diese Möglichkeiten ausgeschlossen werden können, kann man ein Reizdarmsyndrom diagnostizieren.


Viele mögliche Ursachen


Eine Diagnose und die gezielte anschließende Behandlung werden außerdem erschwert, weil die möglichen Ursachen für Reizdarm-Beschwerden bis heute noch nicht endgültig identifiziert werden konnten. Oft beeinflussen sich Ursachen und Folgen zudem gegenseitig.

Neben psychischen Faktoren und Stress können eine Überempfindlichkeit des Darms, Störungen der Darmbewegungen, ein Darminfekt oder eine veränderte Darmflora das Reizdarmsyndrom auslösen. Auch ein gestörtes Immunsystem der Darmschleimhaut wurde als mögliche Ursache identifiziert. Dazu kommen genetische Faktoren und schließlich auch Umwelteinflüsse.

Sie sehen: Das Reisdarmsyndrom gibt auch uns Medizinern noch viele Rätsel auf.

Reizloser Reizdarm


Für internationale Aufmerksamkeit sorgte in diesem Zusammenhang eine Studie der TU München, die diese in Zusammenarbeit mit mehreren deutschen Kliniken durchgeführt hatte. Die Forscher kamen nach umfangreichen Tests zu dem verblüffenden Ergebnis, dass der Reizdarm weniger empfindlich auf Reizungen reagiert, als der von gesunden Patienten. Scheinbar, so die Wissenschaftler, sind die Nerven der Reizdarmpatienten durch eine ursprünglich zu starke Aktivierung bereits desensibilisiert. Weil die Nerven immer gereizt sind, regeln sie also ihre Reizschwelle quasi automatisch herunter.

Ergebnisse, wie diese, helfen uns Ärzten sowohl bei der Diagnose, als auch bei der darauf aufbauenden Behandlung der Betroffenen.

Hoher Leidensdruck trifft auf schwierige Behandlung


Fest steht: Wer unter RDS leidet, verspürt oft einen hohen Leidensdruck. Denn die typischen Symptome sind alles andere als angenehm und begleiten die Patienten häufig über den ganzen Tag und die Nacht.

Ich rate darum allen Betroffenen zuerst einmal genau zu dokumentieren, wann die Beschwerden auftreten, was sie an den Tagen gegessen und erlebt haben. Das hilft dem Arzt, den möglichen Auslösern auf die Spur zu kommen.

Darüber hinaus gibt es aufgrund der vielfältigen Ursachen keine allgemeingültigen Empfehlungen für die Ernährung bei RDS und auch keine Standard-Medikamente. Die Behandlung richtet sich immer nach den individuell im Vordergrund stehenden Beschwerden, die durch eine geeignete Therapie gelindert werden können.

Aber natürlich gilt auch bei RDS: Wenn Sie sich bewusst ernähren, nicht rauchen, wenig Alkohol trinken, ausreichend schlafen und sich – gerade bei Verstopfung wichtig – körperlich bewegen, dann sind sie schon ein gutes Stück des Weges gegangen. Und sprechen Sie auf jeden Fall mit Ihrem Arzt über Ihre Beschwerden. Denn sie könnten ja auch ganz andere Ursachen haben.

Dieser Artikel erscheint auch in der Kolumne „Gesund mit Diehm“ auf www.gesuendernet.de, die Prof. Dr. Curt Diehm wöchentlich schreibt.

 

zurück zur Übersicht